Der Weg zur Knechtschaft und der Eigensinn der Sprache

Überarbeitete Fassung eines Vortrags am 10.7.2019 im Hayek-Club Berlin

Der Weg zur Knechtschaft und der Eigensinn der Sprache

15.Juli 2019

Dieser Vortrag handelt von der Sprache. Aber ich will gleich präzisieren, in welchem Sinn er davon handelt. Ein Thema, das auf der Hand liegt und auch schon vielfach behandelt wurde, ist die Desinformation der Öffentlichkeit, zum Beispiel durch eine verzerrte Darstellung oder durch das Verheimlichen von Tatsachen. Bei solchen Vorgängen wird die Wahrheit von Aussagen, die mit der Sprache getroffen werden, berührt und beschädigt. Aber mein Thema ist etwas Anderes, Tieferes: Es geht um die Eingriffe in die Sprache selbst, in ihre Wortbildungen, in ihren Bedeutungshorizont, in ihre Tonlage. Damit sind nicht nur bestimmte Aussagen betroffen, sondern überhaupt die Möglichkeit Aussagen zu formulieren und letztlich: überhaupt zu denken. Das Denkbare wird gesteuert und eingeschränkt. Das findet in unserer Gegenwart in Deutschland in einem Maße statt, das ich mir vor wenigen Jahren nicht mal annähernd vorstellen konnte. Dagegen wendet sich mein Vortrag. Insofern ist er ein zorniger Vortrag und ein Plädoyer für Gegenwehr.

Aber das ist nicht der ganze Vortrag. Wenn es im Titel heißt „Der Eigensinn der Sprache“, dann geht es darum, die Eigenschaften unserer Sprache – also einer Nationalsprache im modernen Sinn – herauszuarbeiten. Also das positiv herauszuarbeiten, was die Substanz einer Sprache ausmacht. Damit ist auch gesagt, dass es für mich bei Sprache nicht nur um die Verfügbarkeit eines „Mittels zum Zweck“ (der Verständigung) geht, sondern um etwas Eigenständiges, etwas Sperriges. Von etwas, das „aus krummem Holz“ gebaut ist (um es mit Kant zu sagen) und das sich auf krummen, historischen Wegen gebildet hat.

Wenn wir heute massive Eingriffe in die Substanz der deutschen Sprache feststellen, dann darf uns das nicht dazu verleiten, der Manipulation der Sprache nun unsererseits ein Gegenmanipulation entgegenzusetzen. Sondern ein wohlverstandener, nicht-technokratischer, konservativer Liberalismus muss den Status der Unverfügbarkeit der Sprache schützen. Das will ich heute Abend hier anregen und insofern ist mein Vortrag auch eine Hommage an die Sprache. Es ist eine Einladung, das Gefühl des Erstaunens, das wir bisweilen vor einem Wort empfinden und das in der Informationsflut unterzugehen droht, wiederzuentdecken. Und es ist auch eine Einladung, unser eigenes Sprachvermögen, das ein großes gemeinschaftliches Vermögen (im Sinne eines Gemeinguts) ist, zu hegen und zu pflegen.     

Die Eingriffe in die deutsche Sprache haben massiv zugenommen

Das geistige Klima in Deutschland hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Es gibt eine Art „Befangenheit“ (ein schönes deutsches Wort…), man spricht seltener „freimütig“, sondern überlegt mehr, welche Worte man gebraucht, weil man weiß, dass es Worte gibt, vor denen „man sich hüten muss“. Das liegt daran, dass so etwas wie eine „Färbung der Worte“ stattgefunden hat. Eine Teilung der Worte in Gut-Worte und Bös-Worte. Ebenso gibt es eine neue „Eingebundenheit“ der Worte: Immer häufiger wird nach der „großen Erzählung“ gerufen, die wir für Europa, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für die Umwelt oder überhaupt „für die Zukunft“ brauchen. Zugleich wird in den Medien immer häufiger die Grenze zwischen einem Bericht und einem Kommentar eingerissen. Berichtende Artikel werden zu verdeckten Plädoyers. Dies alles löst „Befangenheit“ aus – und das ist etwas, was ich aus meiner Lebensgeschichte, die sich über etliche Jahrzehnte der Bundesrepublik erstreckt, nicht kenne.  

Ich will die Eingriffe in die Sprache zunächst mit zwei Beispielen von „Wortpolitik“ veranschaulichen.

  • Vor kurzem hat die Redaktion des (sehr reichweiten-starken) Nachrichtenportal „t-online“ beschlossen, in Zukunft nicht mehr von „Klimawandel“, sondern von „Klimakrise“ oder „Erderhitzung“ zu sprechen. Damit wird durch das Wort „Krise“ ebenso wie durch das Wort „Erhitzung“ (statt „Erwärmung“) eine existenzielle Bedrohung (Krise als Umkippen eines Systems) konstruiert und eine Rettungs-Handlung unter Zeitdruck als einziger Ausweg schon in das Wort mit eingebaut. Und es ist, wohlgemerkt, ein Redaktionsbeschluss für eine Einheits-Sprach-Regelung auf dem ganzen Portal. Einen ähnlichen Beschluss soll der britische „Guardian“ gefasst haben.
  • Das zweite Beispiel ist das aus dem Jahr 2017 datierende Projekt einer „Respekt-Rente“. Dabei geht es um eine Sonderzahlung über die beitragsbasierte gesetzliche Rente hinaus. Der Begriff „Respekt“ verdeckt, dass hier eine reine Zuwendungsrente eingeführt wird, der die „Rente“ zur einseitigen Gabe, zur Sozialhilfe macht. Die Selbständigkeit und Würde des Arbeitsnehmers, die auf dem Prinzip „Lohn für Arbeit“ beruht und mit der Beitragsrente auf das Alter ausgedehnt wird, wird untergraben. Auf den ersten Blick scheint „Respekt“ ja ein positives, wohlwollendes Wort zu sein. Aber es gibt einen Haken bei diesem Wort. Mit dem Wort „Respekt“ verbinden wir die Vorstellung einer einseitigen Zuwendung. Es heißt „Wir erweisen jemandem Respekt“, und die Handlung und das Ermessen liegt bei uns – nicht bei dem, dem Respekt erwiesen wird. Derjenige, der Respekt verteilt, kommt sozusagen auf dem hohen Ross geritten. Indem das Wort „Respekt“ mit der Rente verbunden wird, wird der Charakter einer Zuwendung dort eingebaut. Eigentlich aber basieren Lohn und gesetzliche Rente auf dem Ausgleich von Leistung und Gegenleistung. Sie kommen nicht dadurch zustande, dass jemand einem anderen etwas „erweist“. Stellen Sie sich vor, Sie erhalten ihre Monatsabrechnung aus dem Lohnbüro und diese fängt mit den Worten an: „Aus Respekt überweisen wir Ihnen diesmal…“

„Respekt“ wird damit zu einem jener „Wieselworte“ im Sinne von Friedrich August von Hayek, die den ursprünglichen Wortsinn (von „Rente“) auffressen.
„Wir verdanken den Amerikaner eine große Bereicherung der Sprache durch den bezeichnenden Ausdruck `weasel-word´. So wie das kleine Raubtier, das auch wir Wiesel nennen, angeblich aus einem Ei allen Inhalt heraussaugen kann, ohne dass man dies nachher der leeren Schale anmerkt, so sind die Wiesel-Wörter jene, die, wenn man sie einem Wort hinzufügt, dieses Wort jedes Inhalts und jeder Bedeutung berauben. Ich glaube, das Wiesel-Wort par excellence ist das Wort `sozial´. Was es eigentlich heißt, weiß niemand. Wahr ist nur, dass eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist.“ (F. A. v. Hayek, Wissenschaft und Sozialismus. In: Gesammelte Schriften. Abt. A, Aufsätze, Bd. 7, Tübingen 2004, S. 61f.)   

Das Arsenal der Wort-Politik – Eine Typologie

  • Steuerungs-Worte (klassisches „Framing“): Wort-Kompositionen, die ein Grundwort und ein Wertewort enthalten, die das Gesamtwort in ein Gut-Wort oder Böse-Wort verwandeln und so zum Sachverhalt gleich die Bewertung mitliefern. Sie lassen keine kritische Distanz zu): Respekt-Rente; Gute-Kita-Gesetz; Starke-Familien-Gesetz; Demokratie-Abgabe; Solidaritäts-Zuschlag; Treibhaus-Gas; Klima-Schutz; Willkommens-Kultur; Zufluchts-Gesellschaft… 
  • Steuerungs-Worte mit besonderer Dringlichkeit (negative und positive Schlagworte; „Serve- and Volley“-Worte): Waldsterben; Klima-Krise; Klima-Leugner; Euro-Rettung; Flüchtlings-Rettung; Rassismus; Neo-Nazi; Rechtspopulismus; Populismus; Abschottung; Sexismus; Wutbürger; Luft-Verpestung; Hassrede…
  • Tabu-Worte (ihre Benutzung ist verpönt; sie ist inquisitorisch auf einen „Index“ gesetzt): Volk, national, Ausländer, Bevölkerungsaustausch; Zigeuner; Schwarze; Behinderte…
  • Hochstapler-Worte. Wichtigtuer-Worte (Worte, mit denen man sich als etwas Höheres, Zivilisierteres, Gebildeteres, Weltmächtiges ausweist und selbst nobilitiert): Helles Deutschland; weltoffen; Zivilgesellschaft; junge, gut ausgebildete Leute; Aufbruch, ein ehrgeiziges Projekt; Think tank; Smart city; Governance; (auch das Wort “Framing” selber kommt im Weltgeltungs-Englisch daher)
  • Vage Worte. Leer-Adjektive (die nichtssagend bleiben, wenn sie nicht näher bestimmt werden): regelbasiert; inklusiv; globalisiert; integrativ; Europa-Parteien; sozial; vielfältig…
  • Neo-Worte. Plastik-Worte: Industrie 1.0, 2.0, 3.0, 4.0; Firmenamen wie Innogy, Conergy, Traton, Lieferando, Evonik, Vapiano, Zalando, E-ON (die älteren Formennamen signalisierten den Eigentümer, Gründer oder den Herkunftsort); Das Gender-Sternchen bzw. das angeklebte „In“; Kaffee2Go; All4you…
  • Emotionalisierte Worte (auch Wortersatz und Wortbegleitung durch Bilder oder Tonlagen): „ich bin erschüttert“; „ich bin betroffen“; „ich bin empört“; die Ersetzung von Worten durch Emoties; sehr oft auch die Tonlage des Rap-Sprech… 
  • Allerwelts-Aussagen, die subtile moralische Wertungen oder getarnte Imperative sind: „Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben“; „Wir schaffen das“; „Es ist auf gutem Weg“; „Europa ist die Antwort“; „Ich sehe den einzelnen Menschen“…

„Hassrede“ – eine inquisitorische Anklage

Die Typologie, die sicher noch nicht alle Varianten erschöpft, zeigt die Breite der Eingriffe, die im Zuge der Wort-Politik stattfinden. Aber es gibt auch eine neue Qualität der Unterdrückung, die in vielen dieser Wort-Bildungen enthalten ist und durch sie transportiert wird. Das hängt damit zusammen, dass schon das Aussprechen bestimmter Worte als Vergehen gelten kann. Das Wort also solches, unabhängig von jeder Interpretation, gilt schon als „böse“ und „reaktionär“ (oder umgekehrt als „gut“ und „fortschrittlich“). Das bedeutet, dass eine wichtige Errungenschaft der Sprachkultur der Moderne angetastet und zerstört wird: die Möglichkeit (und die Aufgabe), immer zu überlegen und nachzufragen, wie ein Wort gemeint ist. Bei dieser Verweigerung des Rechts des Sprechenden oder Schreibenden auf Interpretation – seit den Zeiten der Aufklärung ein fundamentales Recht – spielt der Anklagepunkt „Hassrede“ eine Schlüsselrolle. Ein Beispiel: In einem Artikel in der FAZ vom 4.7.2019, der die Überschrift „Digitale Brandbeschleuniger“ trägt, wird der Gebrauch des Wortes „großer Bevölkerungsaustausch“ der „Hassrede“ zugerechnet. Dabei ist das eine analytische, demographische Beschreibung (die man erhärten, bestreiten, relativieren kann, die also diskussionsfähig ist und keineswegs „Hass“ enthalten muss). Der FAZ-Journalist packt dann noch das Wort „Verschwörungstheorien“ hinzu und erweckt beim Leser den Eindruck, die These von Bevölkerungsaustausch sei automatisch mit der Behauptung einer Verschwörung verbunden. Es wird also ein Amalgam gemacht, um ein bestimmtes Wort unter Anklage zu stellen. Das ist nicht nur Zensur, es ist Inquisition. Wo die Auslegungsbedürftigkeit und -fähigkeit von Worten angetastet wird, wird die Sphäre der Öffentlichkeit, für die ein streitendes Auslegen und Begründen konstitutiv ist, zerstört. Die Rückkehr zum Index der verbotenen Worte bedeutet im Grunde einen Rückfall ins Mittelalter.

Über die Unterscheidung zwischen Reden und Handeln

Das Wort „Hassrede“ spielt noch bei einer zweiten Grenzverschiebung eine Schlüsselrolle. Es wird auch die Grenze zwischen Reden und Handeln, zwischen Wort und Tat eingerissen. Nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wurde in Kommentaren und Reden immer wieder eine als „Hassrede“ bezeichnete Sprache für die Tat verantwortlich gemacht. Wer also etwas geschrieben hatte, das in irgendeinem Sinn (und gar nicht bezogen den Regierungspräsidenten) der „Hassrede“ zugerechnet wurde, der sollte schon eine Mitverantwortung für den Mord tragen. Er war „Brandstifter“, und zwar „geistiger Brandstifter“. Im Strafgesetz ist der Begriff der „Anstiftung“ – aus guten Gründen – auf eine direkte Einflussnahme auf Tat und Täter begrenzt. Diese Begrenzung wird durch das Konstrukt der geistigen Brandstiftung ins Unendliche ausgedehnt und damit der Willkür Tür und Tor geöffnet.
So wurde der Lübcke-Mord auch zum Anlass genommen, um den Artikel 18 des Grundgesetzes ins Spiel zu bringen. Dessen Kernsatz lautet: Wer die Freiheit der Meinungsäußerung zum Kampf gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte (aufgezählt werden im Einzelnen: Pressefreiheit, Lehrfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis, Eigentum, Asylrecht). Dieser Artikel (er heißt auch der Artikel der „wehrhaften Demokratie“) wurde bisher so verstanden, dass es um die Abwehr eines Angriffs auf die institutionelle Ordnung der Bundesrepublik geht. Wenn jetzt der Artikel 18 ganz allgemein auf „Hassrede“ und auf den Gebrauch bestimmter Worte ausgedehnt würde, würde das den ganzen Charakter des Artikels 18 verändern. Er wäre nicht ein abwehrender Artikel für eine bestimmte Gefahr, sondern er wäre die Einführung eines sehr weitgehenden Sprach-Diktats. Damit würde aber eine wichtige und produktive Trennung zurückgenommen, die historisch eine Voraussetzung für das Zeitalter der Aufklärung war: Indem man das Wort von der Last befreit, unmittelbar haftbar für eine Tat zu sein, eröffnete man einen Freiraum für das Denken und für die freie, öffentliche Auseinandersetzung der Ideen. Ganz in diesem Sinn hat das Bundesverfassungsgericht 1956 in seinem Verbotsurteil gegen KPD und SRP ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nicht allein (verbale) Überzeugungen und Positionen sein können, die zu einem Verbot führen. Zur Begründung eines Parteiverbots müsse ein Tun vorliegen.
An dieser Stelle sei an den in Chemnitz von Ausländern begangenen Totschlag erinnert, der von den Regierenden kommunikativ in eine Verfolgung von Ausländern verwandelt wurde. Auch hier spielte der Wort-Mechanismus „Hassrede“ eine Rolle, und die Bundeskanzlerin hat sich seiner auf eine subtile Weise bedient. Sie hat am 5.9. 2018 in einer Erklärung zu den Chemnitzer Ereignissen folgendes gesagt: Es habe Bilder gegeben, die „sehr klar Hass und damit auch Verfolgung unschuldiger Menschen“ gezeigt hätten (zitiert nach Michael Esders, Wahrheitssysteme, erschienen in der Zeitschrift „Tumult“ 2/2019). Der kritische Punkt ist hier das kleine Wörtchen „damit“. Dies Wörtchen stellt die Verbindung zwischen „Hass“ und „Verfolgung“ her. Denn eine solche Verbindung liegt keineswegs zwingend in der Logik dieser beiden Worte und der Tatbestände, die sie ausdrücken. Und sie ist auch nicht durch die Bilder belegt, von denen Merkel spricht. Merkels Satz setzt geschickt eine grammatische Unsauberkeit ein: Der Satz besagt zunächst nur, dass die Bilder „Hass gezeigt“ haben – aber dann wird daraus, dass „damit“ die Bilder die Verfolgung unschuldiger Menschen gezeigt haben. Wie sollen sie das können? Denn es gibt eben keinen Bildbeweis für die „Verfolgung unschuldiger Menschen“. Merkel übertüncht die Tatsache, dass sie ohne Beweis eine schwere Anschuldigung erhoben hat, der das öffentliche Leben in der Stadt Chemnitz betrifft, mit einer Sprach-Verbiegung. Es ist übrigens nicht das erste Mal, das die deutsche Bundeskanzlerin wegen eines solchen willkürlichen Umgangs mit der deutschen Sprache auffällt.              

Eine Sprache, die von geheimen Wirkungen raunt

An dieser Stelle komme ich auf die Eingebundenheit der Worte zurück, von der ich eingangs gesprochen habe, und die zu der Befangenheit gehört, die im geistigen Klima dieses Landes zu spüren ist. Das Wort „Brandstiftung“ ist typisch für eine ganze Familie von Worten, die die Offenheit einer Sprache in eine engeren zusammenhängenden Sprachzustand überführen. In diesem Zustand kann schon ein Wort viele andere Worte anstecken („Hassrede“); es kann Taten herbeiführen („Brandstiftung“). Es genügen oberflächliche Ähnlichkeiten, um enge Verbindungen zu unterstellen (assoziative Schlussfolgerungen). In dem sprachlichen Amalgam „rechts“, das so konstruiert wird, wird nicht mehr zwischen „rechtsextrem“ und „rechts“ unterschieden. Als Beleg für die Zugehörigkeit reicht, dass dieser und jener miteinander „Kontakt“ hatten. Auch Thilo Sarrazins Ausschluss aus der SPD gehört auf einmal zum allgemeinen Kampf gegen den so konstruierten Rechts-Komplex. Der Ausschluss sei wohlbegründet, „weil Ressentiments geschürt werden, die gegen unsere Grundwerte verstoßen“. Das schreibt nicht ein SPD-Vorstand, sondern der Kommentator der FAZ am 12.7.2019. Überall ist ein „schüren“ und „anheizen“ im Gang. Die Sprachbilder des Feuers sind kein Zufall, denn es soll ein sich steigerndes Beeinflussen und Anstecken konstruiert werden, das als heimliches Glimmen beginnt und irgendwann zum offenen Ausbruch kommt. Die „Hassrede“ hat inzwischen einen ganzen „Hass-Raum“ erzeugt, der „stärker in den Blick genommen werden muss“, wie ein FAZ-Kommentar von 24.6.2019 fordert. Wo dieser Raum beginnt oder aufhört – niemand kann es sagen. Aber es ist ein hoch-ansteckender Raum, angesichts dessen man die Ressourcen der Freiheit vergessen muss, und auf „den Blick“ (von oben, von außen) setzen muss. Und diese neue Unfreiheit wird nicht mehr begründet, sondern sie ist in den neuen „gebundenen“ Sprachzustand schon eingeflossen. Diese Gebundenheit erinnert in vieler Hinsicht an die vormoderne, mittelalterliche Sprachwelt, die eine Sprachwelt der geheimnisvollen Verwandtschaften und Einflussnahmen war – man denke nur an die Sprache der Hexenverdächtigungen und -verfolgungen. (vgl. Michel Foucault, „Die Ordnung der Dinge“, Frankfurt/M. 1974, S.49ff)

Und diese neue gebundene Sprache gibt es nicht nur bei der Verdächtigung und Verfolgung der politischen Opposition. Sie regiert ganz generell bei den  Themen, die der regierende politisch-mediale Block für wichtig erklärt, und bei den Lösungen, die als „alternativlos“ gelten sollen: beim globalen „Treibhauseffekt“; bei der Massenmigration, gegen die „es keine Grenzen gibt“; bei den Phobien im Großen (Kernenergie) und im Klein (Feinstaub); bei der Beschwörungsformel „Europa“ ebenso wie bei der alleslösenden „Inklusion“.
Es ist also in Sprachdingen von etwas ganz anderem zu sprechen als der „Hassrede“. Es ist von der gebundenen Sprache zu sprechen, die heute dominiert und die Welt in einen großen Zwangszusammenhang verwandelt – und die am Ende jede abgrenzende Begrifflichkeit als „Hassrede“ klassifiziert.     

Ein zweites Grundmerkmal: Die Aufweichung der Sprach-Gesetze

Nun könnte die bisherige Darstellung zu der Annahme verleiten, dass das neue Sprachregime ein totalitäres Unterdrückungsregime ist. Ein Regime, das mit unerbittlicher Verfolgung und drakonischen Strafen arbeitet. Also ein Regime, das seine Herrschaft letztlich auf die Furcht und Angst des Volkes baut. Das ist auch das Szenario, dass George Orwell in seiner finsteren Zukunftsvision „1984“ ausmalt (siehe George Orwell, 1984, geschrieben 1949). Tatsächlich spielt in dieser Vision die Sprach-Manipulation eine sehr wichtige Rolle: Worte werden willkürlich umdefiniert, Worte werden ganz neu erfunden und noch mehr Worte werden zum Verschwinden gebracht. Es mag verführerisch sein, das auf die heutige Situation zu übertragen. Aber ich glaube, dass damit diese Situation nicht richtig getroffen wird. Ein ganz wesentlicher Zug der Spracheingriffe wird in dem „Unterdrückungs-Szenario“, wie es Orwell liefert, nicht erfasst. Bereits in meiner Typologie der Wort-Politik kommen ja Formen vor, die eine „Vereinfachung“, eine „Servicefreundlichkeit“ und auch eine „Infantilisierung“ bedeuten. Diese Formen weichen eher die Bestimmtheit der Worte und die grammatisch-logischen Gesetze einer Sprache auf. Und sie kommen freundlich – sozusagen mit einem kumpelhaften „Du“ – daher. Sie drohen nicht, sondern appellieren an die Bequemlichkeit der Menschen.

Dies zweite Grundmerkmal wird deutlicher, wenn man sich andere, bisher noch nicht erwähnte Eingriffe in die Sprache vor Augen führt. Man denke an die Digitalisierung und ihre Algorithmen, die dem Schreibenden fertige „Wortvorschläge“ zur Komplettierung von Sätzen macht oder die hinter dem Rücken des Schreibenden schon angefangene Worte eigenmächtig „vervollständigt“. Oder die die Auslegung literarischer Texte auf digital schematisierte, quantitative Verfahren umstellt („Worthäufigkeitsanalyse“, „Stilometrie“). Erinnert sei auch an die verschiedenen Eingriffe in die Schreibweise von Worten (Rechtschreibreform, „Schreiben wie man spricht“). Hier besteht die Manipulation der Sprache darin, ihr die Ecken und Kanten zu nehmen, ihr Niveau zu senken, sie zu verharmlosen – und dabei an die Bequemlichkeit der Sprechenden zu appellieren.
So kann die heutige Gesamtrichtung der Sprachveränderungen gar nicht verstanden werden, wenn man nicht die Milderung berücksichtigt. Sie führt auf ihre Weise auch dazu – und manchmal sogar tiefgehender -, dass
die Sprache ihren Reichtum, ihre Unterscheidungsfähigkeit und auch ihre Unabhängigkeit verliert. Sie verflacht die Sprache, macht sie verschwommen, macht die Regeln der Rechtschreibung und der Grammatik beliebiger, erzeugt Gleichgültigkeit gegenüber der „Konnotation“ von Worten und gegenüber den feinen semantischen Unterschieden zwischen ihnen („Zorn“ ist etwas anderes als „Wut“)   

Die fundamentale Bedeutung dieser Aufweichung wird deutlich, wenn sich die folgende Passage von Alexis de Tocqueville über die politische Herrschaft in demokratischen Zeiten vor Augen führt:

„So breitet der Souverän, nachdem er jeden Einzelnen der Reihe nach in seine gewaltigen Hände genommen hat und nach Belieben umgestaltet hat, seine Arme über die Gesellschaft als Ganzes; er bedeckt ihre Oberfläche mit einem Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher Regeln, das nicht einmal die originellsten Geister und die stärksten Seelen zu durchdringen vermögen, wollen sie die Menge hinter sich lassen; er bricht den Willen nicht, sondern er schwächt, beugt und leitet ihn; er zwingt selten zum Handeln, steht vielmehr ständig dem Handeln im Wege; er zerstört nicht, er hindert die Entstehung; er tyrannisiert nicht, er belästigt, bedrängt, entkräftet, schwächt, verdummt und bringt jede Natur schließlich dahin, dass sie nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere ist, deren Hirte die Regierung ist.“  (Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, geschrieben 1840, S.344)

Das ist ein Szenario, das sich vom Orwell-Szenario deutlich unterscheidet, aber das dennoch ein autoritäres, entmündigendes, illiberales Szenario ist. Und es liegt auf der Hand, dass in dem „Netz“, das im Tocqueville-Szenario die Gesellschaft bis ins Einzelne bedeckt, die Sprach-Steuerung eine mindestens so große Rolle spielt wie im Orwell-Szenario. Jedenfalls passen die heutigen Eingriffe in die Sprache, von denen dieser Vortrag handelt, recht gut in diese Form der Herrschaft, die man – sozusagen zur linken Anklage des Neo-Liberalismus – als Neo-Autoritarismus bezeichnen könnte.  

Wenn die Sprache zum Knecht wird…

Das Paradox ist, dass die Sprache diese Herrschaftsrolle nicht dadurch spielt, dass sie eine besonders elitäre, in ihrer einsamen Kulturhöhe unantastbare Sprache wird. Eine Sprache, die so hoch und geheimnisvoll über dem Volk stand, wie das im Mittelalter für das Latein gegenüber dem einfachen (vor allem bäurischen) Volk der Fall gewesen sein mag. Es ist genau andersherum: Es findet eine Herabsetzung der Sprache statt – und diese Knechtung der Sprache wird zum Herrschaftsmittel.  

Der gemeinsame Nenner all der Veränderungen und Eingriffe, die oben dargestellt wurden, besteht darin, dass die Sprache zu einem bloßen Mittel herabgesetzt wird. Sie wird ganz auf das Erreichen bestimmter Zwecke abgerichtet. Sie wird instrumentalisiert. So verliert die Sprache ihr Niveau, und zugleich verliert sie ihren unabhängigen Status eines historisch langsam gebildeten Kulturgutes, das kurzfristen Zwecksetzungen entzogen ist. Das geschieht gegenwärtig vor unseren Augen mit der deutschen Sprache (und mit anderen modernen Nationalsprachen). Die oben beschriebene Kombination aus harter und weicher Manipulation reduziert die historisch schon erreichte Höhe unserer Sprachkultur. Die Sprache wird moralisiert, gefärbt, formiert, verarmt, vereinfacht – und so zum bloßen Instrument entwürdigt.  

Für mich liegt an dieser Stelle ein Vergleich mit der Baukultur nahe, die im Zuge der Neuzeit eine neue Komplexität, Höhe und Eigenlogik erreicht hat. Und auch hier lässt sich eine Verknechtung nachweisen, die der Verknechtung der Sprache durchaus ähnlich ist. Beim Funktionalismus (u.a. des Bauhauses) ist das mit Händen zu greifen, wenn man an die tabula rasa denkt, die bei den Fassaden („Ornament ist Verbrechen“), bei den Raumhöhen und bei den Dächern (Flachdächer, Kästen) vollzogen wurde. Wenn man das die „Formensprache“ der Architektur nennen will, dann wurde sie begradigt, entleert, verarmt. Die Gebäude wurden funktionalisiert und auf ein Dasein als bloßes Instrument reduziert. Sie wurden zum „Mittel zum Zweck“ degradiert. Und diese rückschrittliche Veränderung trat mit dem Anspruch auf – in völliger Ignoranz von mindestens vier Jahrhunderten neuzeitlichen Bauens -, dass mit ihr (zu Beginn des 20. Jahrhunderts) „die Moderne“ in Architektur und Städtebau beginnen würde…

Die Knechtung der Sprache bedeutet nicht, dass weniger gesprochen wird. Im Gegenteil: In unserer heutigen Gesellschaft wird unendlich viel geredet. Und es werden dem Kommunizieren auch immense Leistungen anvertraut. Je größer die Ziele sind, die in einer Rede beschworen werden, umso eher wird das Prädikat „ehrgeizige Politik“ verliehen. Jedes Problem soll durch „miteinander reden“ gelöst werden. Jede Fehlhandlung einer Regierung oder eines Unternehmens-Vorstands wird in der Formel „Wir haben schlecht kommuniziert“ entsorgt. Es ist wirklich ein kurioses Paradox: Je mehr die Sprache ihr Niveau und Unterscheidungsvermögen verliert, umso mehr wird auf das Reden gesetzt. Und je mehr Worte gesprochen werden, umso mehr wird das gesprochene Wort zur bloßen Geste des Wohlmeines.
Diese Entwicklung ist durchaus vergleichbar mit der Aufweichung des Geldes als Wert-Träger durch die Politik des billigen Geldes. Dies weiche Geld hat aber nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil, es ist zum allgegenwärtigen Mittel der Politik geworden – das Engagement und die Wirksamkeit politischen Handelns wird an der Höhe der eingesetzten Geldmittel gemessen. Und an dem Einsatz „aufgeweichter“ Sprache: Der Einsatz eingängiger Sprachformeln und die damit verbundenen „Kampagnenfähigkeit“ sind zur wichtigsten Einflussgröße für politische Entscheidungen geworden.

…sind wir auf dem Weg zur Knechtschaft

Es ist diese Instrumentalisierung, die die erstaunliche Orchestrierung erklärt, mit der die heutigen „Leitworte“ der Sprache sich unter zigtausenden Akteuren in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Medien durchsetzt – ohne dass es den großen Magier gibt, der irgendwo im Verborgenen die Strippen zieht. Die gemeinsame Instrumentalisierung der Sprache schafft eine Gemeinschaft der Schlagworte und eine Kampagnen-Fügsamkeit, wie sie keine Befehlskette von oben herzustellen vermöchte. Genau das wäre die Besonderheit des Neo-Autoritarismus, dass unabhängig von einem übermächtigen Machthaber, einer Macht-Clique oder einer diktatorischen Partei funktioniert. Dabei spielt eine Sprache, in die Gut und Böse, Notstände und Rettungspflichten schon eingebaut sind, und die ständig einen Weltzustand engster Kopplung simuliert, eine wichtige Rolle. Sie bindet das Handeln enger und fester, als es irgendeine Befehlskette vermöchte.

Damit sind wir beim „Weg zur Knechtschaft“ (Friedrich August von Hayek). Nach dem hier vorgestellten Gedankengang sollte man diesen Ausdruck in einem erweiterten Sinn verstehen: Auf den Weg zur Knechtschaft werden nicht nur Menschen gesetzt, sondern auch Dinge. Deren Entwicklung hat in der modernen Zivilisation und Kultur eine besondere Komplexität und Höhe erreicht. Sie haben es in ihrer „Sachlichkeit“ (ihrem Dasein und ihrer Eigenlogik als Sache) zu einer Eigenständigkeit gebracht, die sich jeder Dienstbarkeit entzieht. Doch diese Eigenständigkeit der Dinge, die überhaupt erst die neuen Spielräume eröffnet hat, die Freiheitlichkeit der modernen Welt ausmacht, wird nun angegriffen. Diese Eigenständigkeit muss revidiert werden, wenn die Menschen wieder auf den Weg zur Knechtschaft gebracht werden sollen. Die Dinge müssen reduziert werden auf ein bloß passives, fügsames „Material“, damit überhaupt solche irrsinnigen Ideen entstehen können wie die Steuerung des ganzen Erdballs oder die „Wende“ der ganzen neuzeitlichen Entwicklungsgeschichte bei Ernährung, Energieversorgung und Fortbewegung.

Und diese Knechtung der Dinge kann wiederum nur anvisiert werden, wenn die Knechtung der Sprache gelingt. Wenn also auch die Sprache in ein fügsames „Sprachmaterial“ verwandelt wird, damit die Sprache ganz neu „konstruiert“ werden kann und so der geistige Platz für eine neue Autorität geschaffen werden kann. Das ist der Kern des heutigen Neo-Autoritarismus. Hinter ihm steht keine neue konstruktive Stärke, er ist eine zutiefst destruktive Kraft.

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Die Frage nach dem „Eigensinn“ der Sprache

Damit komme ich zum zweiten Teil des Vortrags. Es ist nicht ganz leicht und selbstverständlich, dem oben beschriebenen Weg zur Knechtschaft zu entgehen. Denn das setzt voraus, dass man das man sich nicht in eine Welt einsperren lässt, in der die Dinge geknechtet sind. In der sie auf ein bloßes Material reduziert sind, das menschlichen Zweck zu dienen hat. Gefragt ist also eine „Objektivität“, in der die Gegenstände nicht unserem Willen und Wissen unterworfen sind, sondern wirklich „Gegen-Stände“ sind („Ob-jecte“ im Wortsinn des „Entgegen-Geworfenen“).    

Und gleiches gilt für die Sprache. Gesucht wird die „Objektivität“ der Sprache – das ist mit „Eigensinn der Sprache“ gemeint. Es wäre daher zu kurz gegriffen, wenn man versuchen würde, den manipulativen Wortbildungen der heutigen Sprach-Technokratie eine eigene, ebenso künstliche Wortpolitik entgegenzusetzen. Eine Verteidigung der Freiheit kann nur gelingen, wenn sie den Eigensinn der Sprache und ihre eigenständigen Entwicklungsweg verteidigt. Ein wohlverstandener Liberalismus muss die eigene Nationalsprache als politisch unverfügbares und wirtschaftlich nicht-handelbares Gut hegen und pflegen.       

Damit setzt mein Vortrag eigentlich nochmal neu an: Es geht um die Erschließung von einer eigenständigen Größe, von einem an sich Wertvollen. Wie soll dies „eigen“ und dies „an sich“ der Sprache verstanden werden? In welchem Sinn besteht es? Denn es ist ja zweifellos so, dass Menschen und Gesellschaften sprechen und schreiben, dass sie also „Hand anlegen“ an die Sprache und auch an ihrer Entwicklung beteiligt sind. Doch gleichzeitig ist es auch eine Erfahrung, dass die Sprache uns fremd ist und ihre Bildungen uns rätselhaft sind: die Bilder, die ihren Worten zugrunde liegen; die Grammatik, in der Subjekt-Prädikat-Objekt zu Sätzen formiert werden; das Geschlecht der Worte.

Warum ist „der“ Mond im Deutschen männlich und „la luna“ im Spanischen weiblich? Welche Menschen hätten je die Position gehabt, das zu „beschließen“? Was aber hat dann den Ausschlag gegeben? Jedenfalls folgt das „Genre“ der Worte keiner menschlichen Geschlechter-Gleichheit. Aber es folgt auch keiner „natürlichen“ Ordnung. Wir können es nur als etwas „Gegebenes“ aus dem Zivilisationsprozess (Kulturprozess) entgegennehmen.

Hier gilt das, was Immanuel über das „krumme Holz“ gesagt hat:
„Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ (Immanuel Kant,1784) Auch aus der Sprache kann nichts Gerades gezimmert werden. In Spanien gibt es auch das schöne Sprichwort: „Los hechos son tozudos“ (Die Tatsachen sind halsstarrig). In diesem Sinne könnte man auch für die Sprache sagen: „Las palabras son tozudas“ (Die Worte sind halsstarrig)

Die sperrige „Objektivität“ der Worte

Eine frühe persönliche Erinnerung: Zu den ersten Erfahrungen, die ich in der ersten Klasse am Gymnasium (altsprachlicher Zweig) im Lateinunterricht machte, gehörte die Abwesenheit eines gesonderten Subjekts im Satz. Es hieß „arat in campo“ und fertig war der Satz: „Er“ pflügte schon auf dem Feld. Das „Er“ war in der Verbform eingeschlossen. Das verlieh der Sprache eine ungewohnte, schroffe Fremdheit, die zu lernen mir im ersten Moment einen gewissen Widerwillen auslöste. Aber glücklicherweise war es zur damaligen Zeit (1962) weder an den Schulen noch bei uns Schülern üblich, einem solchen kleinen Widerwillen gleich nachzugeben. Sicher können viele Menschen sich an solche Fremdheiten bei anderen Sprachen erinnern. Das Staunen vor den Worten unserer Muttersprache ist wohl eher ein unbewusstes und daher nicht der Erinnerung zugängliches Staunen gewesen. Aber unsere Eltern werden sich vielleicht an manches Wort erinnern, deren richtige Aneignung ihren Sprössling einige Zeit gekostet hat.  

An solchen Punkten ist die sperrige Objektivität einer Sprache (das „ob-jective“ als das buchstäblich uns „Entgegen-Geworfene“) eine tatsächliche Erfahrung. Nun wäre es wichtig zu zeigen, dass auch im historischen Prozess, der zu den heutigen Nationalsprachen führte, diese sperrige Objektivität allgegenwärtig ist – und damit meine ich nicht die Aufnahme von Elementen aus anderen Nationalsprachen, sondern strikt die deutsche Nationalsprache an sich und für sich. Das kann ich hier nicht seriös leisten und mir fehlt auch die fachliche Qualifikation dafür. Zumindest kann ich aber eine Suchrichtung andeuten. Es ist m.E. unbestritten, dass beim Ausbau des mittelalterlichen Sprachmaterials zu den Nationalsprachen unterschiedliche Fach-Öffentlichkeiten und der mit der Neuzeit verbundene Säkularisierungs-Schub eine wichtige Rolle spielte. Hier haben wir die Geburtsstätten der Nationalsprachen: der „stehende“ Staat (Gerichtswesen, Verwaltung, Heer), die Technologien, Betriebsorganisation und Buchführung im Wirtschafts- und Finanzsystem, das Wissenschafts- und Bildungssystem, das Zeitungswesen, die Literatur. Und es sind jeweils die Sachdifferenzierungen, die den Aufbau differenzierter nationaler Hochsprachen antreiben.         

Indem ich die Bedeutung des historisch-langsamen Kultur- und Zivilisationsprozess betone, vermeide ich, die Sprache von vornherein völlig den schnellen „Innovationen“ und Konjunkturen der oben beschriebenen Sprachtechnokratie zu überlassen. Ich gehe also von zwei Ebenen und von zwei Entwicklungssträngen der Sprachentwicklung aus: eine kurzfristige, schnelllebige „gemachte“ Sprache und eine langsame, sich fast unmerklich verändernde Sprache, die sich nicht nur dem Zugriff der Mächtigen sondern jedem bewusst-willentlichen Zugriff entzogen ist und immer wieder neue Gegebenheiten auftauchen („emergieren“) lässt.

In der Unterscheidung zwischen „schnell“ und „langsam“, zwischen „kurzer“ und „langer“ Dauer, spielt das Gewicht des Objektiven eine entscheidende Rolle. Denn es sind die Widerständigkeit der Dinge und das Gewicht der äußeren Welt, die das schnelle Durchgreifen des subjektiven Handelns (des Willens und Bewusstseins) verhindern, und durch die die Langsamkeit und lange Dauer vieler Entwicklungen erzwungen wird. Zugleich bedeutet diese Unterscheidung, dass auch das Langsame „progressiv“ ist – nur eben langsamer und „gründlicher“ progressiv.

Das hat eine wichtige Konsequenz: Wir können davon ausgehen, dass die schnellen Siege der gegenwärtigen Sprachmanipulationen nicht totale Siege sind. Und dass die Sprach-Entwicklung unserer Nationalsprache auf der langsamen Ebene im geschichtlichen Rhythmus weitergeht. Sie ist bis in unsere Tage aktiv, unauffälliger, in kleinen, fast unmerklichen Verschiebungen. Die Sprach-Politik beherrscht nicht allein Szene. Wir müssen also die hier geschilderten Sprachmanipulationen – so orchestriert sie auch um sich greifen – nicht zu einer Großgeschichte des Verfalls hochstilisieren und das Totenglöcklein unserer deutschen Kultur läuten. Man muss auch nicht das heute herrschende geistige Klima zum Schicksal der folgenden Generationen erklären.

Ich möchte an dieser Stelle an einem Beispiel illustrieren, wie man sich diese eigensinnige Objektivität der Sprache vorstellen kann. Es ist ein literarisches Beispiel – eher aus dem Zufall geboren als aus einer systematischen Suche meinerseits. Es zeigt, wie eine literarische Sprache aussehen kann, die den Worten mehr Eigengewicht und mehr „Nebeneinander“ zugesteht. Und dass dies ein Beitrag zu einer reichen, fein unterscheidenden Sprache ist. Und weil dies Beispiel ein relativ aktuelles Beispiel ist, kann es auch belegen, dass der langsam-historische Entwicklungspfad der Nationalsprache „Deutsch“ auch in unseren Tagen weitergeht. In ihrem Inneren sind nach wie Entwicklungsräume zu entdecken.

Es geht um den österreichischen Schriftsteller Peter Handke und um eine Art „Werkstattbuch“, das Aufzeichnungen von November 1987 bis Juli 1990 enthält. Dabei ist Handkes Werkstatt eine reisende Freiluft-Werkstatt, die von eher „kleinen“ Situationen (gemessen an den großen „Weltereignissen“) gespeist wird, die sich unterwegs ergeben – und die wirklich einzugehen zu den Fähigkeiten dieses Schriftstellers gehört. Denn in der fraglichen Zeit war Handke meistens auf Reisen, in verschiedenen Ländern und großenteils zu Fuß. Das Buch, aus dem ich Ihnen einige kurze Exzerpte mitgebracht habe, trägt den Titel „Gestern unterwegs“ (erschienen als Lizenzausgabe im Suhrkamp-Verlag 2007)

(Der Handke-Teil des Vortrags findet sich als gesonderter, erweiterter Text gleichfalls in „Der Monat Juni-Juli“)

Objektivität als Strategie – ein politischer Schluss

Die Argumentation dieses Vortrags, der sich mit der „Sprachtechnokratie“ unserer Gegenwart auseinandersetzt, führt diese Auseinandersetzung auf einer bestimmten Grundlage, einem „Kampfboden“ sozusagen. Er setzt darauf, dass es so etwas wie ein Eigenleben und eine Eigendynamik der Sprache gibt. Ein „objektives Eigenleben“, das die Menschen nicht „machen“, das nicht von ihrem Willen und Bewusstsein abhängt, sondern dass sie allein dadurch mittragen, dass ihr Leben in einer Weise sach- und weltbezogen ist, wie es kein Zeitalter vorher war. Es ist diese elementare „säkulare Öffnung“, die für den Reichtum und die hohe Unterscheidungsfähigkeit der neuzeitlichen Nationalsprachen gesorgt hat. Ihr Entstehen war nicht das Werk einiger literarischer und philosophischer Genies, und auch nicht das Werk eines von vornherein in den Menschen wohnenden „Volksgeistes“.  

Dennoch gibt es sicher in diesem Vortrag eine Lücke. Ich habe das objektive Eigeneben der Sprache sicher nicht ausreichend belegt. Ich habe es nur an Hand eines literarischen Beispiels illustriert. Aber wie stark schlägt das Herz des Objektiven heute wirklich? Muss man nicht angesichts der verschiedenen Verfallserscheinungen der deutschen Sprache (und anderer Sprachen) sagen, dass dies Setzen auf eine intakte und weiterhin kreative Tradition der Nationalsprachen ins Leere greift? Ist die deutsche Sprache ein Auslaufmodell?

Ich widerspreche. Nach meinem Eindruck ist die deutsche Sprache im Verlaufe des 20. Jahrhunderts, vor allem in der zweiten Hälfte, direkter, feiner und auch ein bisschen frivoler geworden ist. Sie ist also nicht totalitär-rigider geworden, aber auch nicht nur mit den bekannten „weltenglischen“ Versatzstücken ergänzt worden. Die positive Direktheit, die in unsere Sprache im vergangenen Jahrhundert gekommen ist, und die uns von mancher Umständlichkeit und manchem falschen Pathos befreit hat, lässt sich in der Literatur, in der Zeitungssprache, aber auch in Liedtexten der Pop- und Rockmusik zeigen. Wenn wir das ernstnehmen, zeigt das eine Grundströmung der Sprachentwicklung, die in eine ganz andere Richtung geht als die moralisch aufgeladene Not- und Rettungssprache der Regierenden.

Und die Scheidelinie zwischen beiden deckt sich nicht mit der Scheidelinie der politischen Positionen – etwa zum Klima oder zur Migration. Klaus Staeck, der sicher in seinen Positionen weit links steht, hat sich (u.a. in einem Beitrag in der Berliner Zeitung vom 4.4.2019) gegen die Genderisierung der deutschen Sprache ausgesprochen, und er hat eine Schriftstellerin, die den Appell des Vereins Deutscher Sprache „Schluss mit dem Gender-Unfug“ unterzeichnet hatte und nun als „Rechte“ gemobbt wird, mit deutlichen Worten verteidigt.

Dies Beispiel steht für die Tatsache, dass in dem Moment, wo die Übergriffe auf das geistige Leben dieses Landes eine neue Qualität erreicht haben und massiv in die Sprache selber eingreifen, sich andere politische Fronten ergeben. Ja, drücken wir es ruhig einmal in militärischen Begriffen aus: Mit dem Angriff auf die Sprache hat das politische-mediale Lager, das in Deutschland gegenwärtig bestimmend ist, seine Frontlinie weit vorgeschoben. Es kann gut sein, dass es damit die Front überdehnt hat. Dass es sich – mit ihrem Angriff auf den Eigensinn und die Objektivtät der Sprache – auf ein Gelände begeben hat, auf dem sie nicht gewinnen, sondern nur verlieren kann. Dass die Blitzkrieger des „Wording“ und „Framing“ hier ihr „Russland“ erleben werden.  

Aber genug der Spekulation. Eine Frage muss dringender geklärt werden: die Frage nach der Bedeutung des Objektiven in der Politik. Darüber herrscht offenbar nicht wirklich Klarheit. Zwar ist immer wieder davon die Rede, dass die Regierung „in der Lösung von Sachfragen“ überzeugen müsse, und dass die Devise „Erst das Land, dann die Partei“ gilt, aber tatsächlich werden dann doch vor allem Personal- und Parteifragen diskutiert (wie jetzt wieder in europäischen Angelegenheiten). Und alle großen Not- und Rettungsaktionen der deutschen Politik (Energiewende, Eurorettung, Migrantenrettung, Verkehrswende, Klimarettung) erfolgten und erfolgen ohne jede Rücksicht auf die Mittel dieses Landes. Sie verletzen eklatant das Gebot der Verhältnismäßigkeit, das ja immer ein Verhältnis zwischen objektiv gegebenen Größen meint. Und sie verletzen eklatant die Gesetze der Sprache, ohne deren Genauigkeit gar nicht sachtreu und verhältnismäßig gedacht und gehandelt werden kann.

Deutschland braucht dringend ein „Objektivitätsprogramm“. Das bedeutet auch kritische Fragen für den zeitgenössischen Liberalismus: War dies Setzen auf eine unabhängige und schöpferische Objektivität nicht einmal der Clou des modernen Liberalismus? Setzt nicht die „invisible hand“ von Adam Smith und der klassischen englischen Nationalökonomie eine solche harte, aber kreative Objektivität voraus? Ist der moderne Liberalismus nicht etwas anderes als der Traum von einer subjektiven „Freiheit nach Belieben“, die durch keine äußere, widerständige Welt gehemmt wird? Und liegt nicht in der sperrigen, fordernden Objektivität die Würde und moralische Kraft der Freiheit?     

So verstehe ich das folgende Zitat von Friedrich August von Hayek:
„Politische Freiheit im Sinn von Demokratie, `innere´ Freiheit, Freiheit im Sinne des Fehlens von Hindernissen für die Verwirklichung unserer Wünsche oder gar `Freiheit von´ Furcht und Mangel haben wenig mit individueller Freiheit zu und stehen oft in Konflikt mit ihr.“ (zitiert aus ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft Band 1960/61)

Hayek versucht hier offenbar schon, eine Scheidelinie zwischen dem Liberalismus und dem Linksliberalismus zu ziehen – als Scheidelinie zwischen einer schwierigen und einer leichten Freiheit. Das müsste mit unseren heutigen Erfahrungen vielleicht noch erweitert werden, indem dem Objektiven ein ganz anderer Rang im Denken der Moderne eingeräumt wird.   

Jede Freiheit will Wirklichkeit. Und jede Wirklichkeit will an ihrer Härte gemessen werden.