Es gibt keine Garantie, dass internationale Sportereignisse nicht für politische oder wirtschaftliche Interessen benutzt werden. Aber die Eigenwirkung des Sports ist es wert, solche Veranstaltung in immer mehr Ländern dieser Welt durchzuführen.

Sotschi – eine Verteidigung

Galten die Schwellenländer gerade noch als die Meister des neuen Jahrhunderts, so ist die Stimmung umgeschlagen. Gerade hier werden nun die größten Sünden dieser Welt verortet. Diskriminierung in Russland, Korruption in der Türkei, Teuerungswelle in Brasilien, Smog in China – Schwellenland-Bashing ist überall an der Tagesordnung. Fast könnte man meinen, das größte Problem unserer Erde bestehe darin, dass die Weltgeschichte diese Ländergruppe hervorgebracht hat und es nicht bei den armen, aber harmlosen „Entwicklungsländern“ hat bewenden lassen. Auch die finstersten Depoten und größten Verschwender sollen hier zu Hause sein. Und ausgerechnet in dieser Zeit fanden die Olympischen Winterspiele in so einem Land statt, im russischen Sotschi. So erstaunt es nicht, dass in vielen Zeitungen auf die Veranstaltung eingestimmt wurde, indem man mit besorgtem Stirnrunzeln fragte, ob man eigentlich internationale Sportereignisse an „so ein Land“ und an „so einen Ort“ vergeben solle. Oder noch eine Drehung moralischer: Ob man sie vergeben „dürfe“. Wer jedoch die Vorhaltungen einmal näher prüft, stellt fest, dass sie nicht nur übertrieben sind, sondern dass hier Ressentiments am Werk sind, die mit der Moderne auf Kriegsfuß stehen.

Einer der Vorwürfe gegen die Veranstaltung der Olympischen Spiele in Sotschi lautet, dass sie 50,8 Mrd. Dollar gekostet hätten und dass dies belegt, dass hier eine despotische Verschwendungssucht am Werk gewesen sei. Schauen wir einmal nach. Die Welt am  Sonntag vom 16.2.2014 zeigt eine Graphik, in der das Anwachsen der „Kosten der Olympischen Winterspiele“ von St. Moritz 1928 bis Sotschi 2014 dargestellt sein soll. Für St. Moritz werden 0,004 Mrd. US-Dollar berechnet, für Sotschi 50,8 Mrd. „Sotchi hat mehr Geld verschlungen als alle bisherigen Winterspiele zusammen“ heißt es dort. Die Hauptüberschrift lautet „Ein Sportfest für 50 Milliarden“. Der helle Wahnsinn, muss sich der Leser sagen. Allerdings könnte er stutzig werden, denn es fällt auf, dass es seit den 80er Jahren generell eine sprunghafte Zunahme der Kosten gibt und der Satz „teurer als alle Vorgänger zusammen“ auch 1988 für Calgary 1988 und 1998 für Nagano gilt. Was treibt die Kosten? Die Sportstätten sind es offenbar nicht. Denn in der Welt am Sonntag vom 2.2.2014 finden sich folgende Angaben zu den Arenen:

Fischt-Olympiastadion (das Hauptstadion) 47 Mio. Euro
Adler Arena (Eisschnelllauf) 24 Mio. Euro
Curling Center 12 Mio. Euro
Bolschoi Eis Dome (Eishockey) 220 Mio. Euro
Schayba Arena (mobile Halle) 26 Mio. Euro
Eisberg Eislaufpalast 32 Mio. Euro
Zusammen 361 Mio. Euro

Wie, so fragt sich der Leser, kommt man von diesen 361 Mio. Euro auf 50 Mrd. Dollar? Selbst wenn man noch eine beträchtliche Summe für die Skipisten oder die Organisationskosten veranschlagt, kommt man nicht mal bei 5 Mrd. Dollar an. Ein Großteil der Ausgaben, die als „Kosten der Spiele“ veranschlagt werden, sind offenbar Ausgaben für neue Infrastrukturen (Verkehr und Medienkommunikation) und auch Ausgaben für Immobilien, die als Wohnungen oder als Hotel- und Gastronomieanlagen langfristig genutzt werden. Hat man solche Investitionen in gleicher Weise bei der Abrechnung früherer Olympischer Spiele berücksichtigt? Hat man solche Investitionen früher überhaupt im gleichen Maße getätigt? Nein, denn es ist ein neuerer Trend, Großveranstaltungen wie Olympische Spiele oder Weltausstellungen zum Umbau und zur Modernisierung wachsender Städte und Regionen zu nutzen. Diesen Trend gibt es seit den 80er Jahren und es sind gerade Länder, denen man ein gutes Wirtschaften in Bezug auf die Spiele bescheinigt, die in dieser Weise vorgegangen sind und das Sportereignis als Katalysator für sinnvolle Investitionen genutzt haben. Barcelona 1992 ist ein viel gelobtes Beispiel. Wenn man also bei diesem neuen Umgang mit Großveranstaltungen alle Geldbewegungen zählt, die irgendwie mit der Veranstaltung zusammenhängen (wie offenbar bei den 50,8 Mrd. von Sotchi getan), kommt man zu Riesensummen. Aber sie sind kein Beweis für eine besondere Prunksucht und Verschwendung. Während der Spiele sind denn auch keine Berichte mit Belegen für „goldene Klinken“ und übertriebene Luxusausstattungen aufgetaucht.

Eine seriöse Kostenkalkulation müsste also unterscheiden zwischen den unmittelbaren Sportkosten, den Infrastrukturkosten und den indizierten privaten Investitionen. Gewiss gibt es auch Fälle, wo die mobilisierten Investitionen fehlgeleitet und inadäquat sind. Die Frage, was in Sotchi der Fall ist, erfordert also eine sachliche Prüfung. Aber die Medien, die schnell mit einer Verurteilung bei der Hand sind, prüfen nichts. Es genügt ihnen die schlichte Größe der ausgegebenen Summe, um ihr Urteil zu fällen. Und sie Fällen ihr Urteil nicht argumentativ, sondern mit suggestiven Sprachbildern. „Pomp unter Palmen“ heißt eine Überschrift. Auch die Überschrift „Ein Sportfest für Milliarden“ hat keine Argumente zu bieten, sondern steht im Widerspruch mit den Zahlen des Artikels. Ja, die bewegte Geldsumme ist im Fall Sotchi sehr groß. Aber in diesem Fall geht es auch um einen Umbau, der nicht nur den Ort Sotchi betrifft, sondern die ganze regionale Konstellation. Sotchi baut auf die Verbindung von Küste und Gebirge, auf ganzjährige Nutzungsmöglichkeiten, nicht nur für den Tourismus, sondern auch für moderne Wirtschafts- und Forschungseinrichtungen. An solchen Küste-Gebirge-Kombinationen wird auch an anderen Orten dieser Welt gearbeitet. Sie kommt in Sotchi eventuell etwas früh. Sie konzentriert sich auch nur auf eine Stelle. Aber im Städtebau und in der Regionalentwicklung sind solche „Willküraktionen“, die vorauseilen oder Disparitäten aufbauen, normal. Bauen ist kein organisches Wachstum. Ebenso hätte man in Barcelona die „Öffnung der Stadt zum Meer“ und die „Neuen zentralen Areale“ als übertrieben und einseitig monieren können (und mancher hat es anfangs auch getan). Für größere Investitionen in Sotchi spricht auch, dass hier ein gesamtrussischer Ausgleich im Spiel ist: Die südliche Peripherie wird entwickelt, genauso wie westliche Länder in den vergangenen Jahrzehnten eine Sunbelt-Wirtschaft in ihrem Süden entwickelt haben.

Die Dinge sind es also wert, sorgfältig betrachtet und bewertet zu werden. Manches wird man erst nach Jahrzehnten sehen. Doch die Möglichkeiten einer weiteren Entwicklung werden gar nicht erst in Erwägung gezogen. Von den Maßstäben der Stadt- und Regionalentwicklung hat die populistische Kritik keine Ahnung und möchte sie auch nicht haben. Sie sägt damit allerdings am eigenen Ast. Die Anklagen gegen die Strukturinvestitionen befördern nämlich nicht nur Vorurteile gegen einen interessanten Ort in Russland, sondern auch gegen „das große Geld“, also gegen das Kapital, besonders das bauende Kapital. Das berührt natürlich indirekt auch die Legitimität von Investitionen in den westlichen Ländern. Die maßlose Sotchi-Kritik macht die Verbindung von Großveranstaltungen und Strukturinvestitionen hierzulande nicht leichter. Das  Ressentiment, das man in Sotchi nährt, trifft die Moderne überhaupt.

Die Behauptung, dass die Geschichte von „großen Persönlichkeiten“ gemacht wird, ist eigentlich gründlich widerlegt und schien endgültig aus der Mode gekommen zu sein. Doch in jüngerer Zeit kehrt das Weltbild, das nur in Personalien denkt, auf merkwürdige Weise zurück. Mit merkwürdiger Selbstverständlichkeit ist der Ausdruck „Putins Spiele“ zur Bezeichnung dieser Olympischen Winterspiele zu einer Floskel geworden, jedenfalls bei vielen westlichen Beobachtern. Dabei gibt es eigentlich keine Belege, dass der russische Präsident tatsächlich überall intervenierte oder kommentierte. Wahrscheinlich war den meisten, die diesen Ausdruck benutzten, gar nicht bewusst, wie herabsetzend er gegenüber dem Gastgeberland und gegenüber den vielen Menschen, die am Gelingen der Winterspiele gearbeitet haben, ist. Er zeugt auch von einer völligen Ahnungslosigkeit hinsichtlich der internationalen Kooperation bei so einem Ereignis. Beim Bauen, bei der Wettkampforganisation oder bei der Arbeit der Medien ist einfach kein Platz für Alleinherrscher. Dies dennoch zu behaupten, ist im Grunde unprofessionell. Auch der abschließende Medaillenspiegel dieser Olympischen Winterspiele ist nicht gerade ein Beleg für „Putins Spiele“. Überhaupt ist er kein Beleg für die Behauptung, der Sport sei eine Domäne der Machbarkeit, in man nur richtig „wollen“ muss. Die Verteilung der Medaillen zeigt keine so einsame Spitze, wie wir das von der Sphäre der Popstars und Schauspieler kennen. Auch nicht von der Sphäre der Talk- und Spielshows oder der Nachrichtenmoderation, wo über Jahre und Jahrzehnte eine erstaunliche Monotonie der Hauptdarsteller herrscht. Nein, bei diesen Olympischen Spielen war Hegemonie die Ausnahme, sowohl bei einzelnen Sportlern als auch bei den Sportnationen. Russland war nicht der große Überflieger und musste in mancher Lieblingsdisziplin Niederlagen einstecken. Ebenso wenig waren die USA oder Norwegen einsame Spitze; und auch Deutschland musste sehen, dass es hier eher eine mittlere Macht ist. Das liegt durchaus in der eigenen Logik des Sports. Zu dieser Logik gehört, dass die instrumentelle Erweiterung des Menschen – ob mit Maschinen oder Worten – hier abgerüstet wird. Deshalb rücken die Leistungen der Menschen, trotz aller Unterschiede bei Leistungszentren, bei wissenschaftlichen Trainingsmethoden und bei der Optimierung der Sportgeräte näher zusammen. Vielleicht liegt in diesem stärkeren Ausgesetzt-Sein die Ursache für jene Grundsolidarität der Sportler, auf die sie immer wieder – auch nach heftigsten Wettkämpfen – wieder zurückkommen und die keiner Verständigung oder Erklärung durch Worte bedarf. Auch die Ächtung des Dopings liegt in der Logik des Sports, die nicht die Mittel dem Endzweck „Sieg“ unterordnet, sondern bei den verschiedenen Disziplinen das endliche, erschöpfbare, verletzliche Element der Körperlichkeit in den Vordergrund stellt. Wenn man nur möglichst schnell an irgendeinem Ziel sein will, nimmt man ein Motorfahrzeug und nicht die Bretterl. Nimmt man aber die Bretterl, so gibt es rasante Erfahrungen. Sie beruhen darauf, dass man den äußeren Bedingungen – der Widerständigkeit dieser Bedingungen – viel stärker ausgesetzt ist. So beweist der Sport, dass die Alternative zum ständigen „Optimieren“ des Lebens nicht ein „Entschleunigen“ sein muss (und auch kein Rückzug in die Kontemplation).

An dieser Stelle ergibt sich ein Verdacht: Ist bei der Denunzierung von Sotschi 2014 als „Putins Spiele“ vielleicht ein grundsätzliches Ressentiment gegen den Sport im Spiel? Diese Denunzierung trifft ja den Sport, sie misstraut seiner Eigenlogik und unterstellt, er ließe sich beliebig instrumentalisieren. Ist hier eventuell ein grundsätzliches Unbehagen der Unsportlichen im Spiel? Ein Misstrauen gegen alles, was nicht „Kommunikation“ und „verständigungsorientiertes Handeln“ ist? Denn es ist wahr, der Sport ist merkwürdig schweigsam, wortkarg, lakonisch. Natürlich wird auch laut aufgeschrien, aber meistens doch wortlos gerungen. Der Sport erklärt sich nicht, er ist kein kommunikatives, verständigungsorientiertes Handeln. Aber das heißt nicht, dass er gewaltsam ist. Ein gängiges Vorurteil lautet ja, dass im Sport werden Aggressionen freigesetzt werden, weil es so „physisch“ zugeht. Der sportlichen Situation, ob Training oder Wettkampf, wird kein zivilisierendes Potential eingeräumt. Manchem gilt er als Fortsetzung des Kriegs mit harmloseren Mitteln. Deshalb, so will es das Vorurteil, müssen immer ergänzende Gesten gemacht werden, damit der Sport von außen zivilisiert wird. Das gilt auch für die kommentierende, deutende, interviewende Rolle der Reporter und Moderatoren, die den Athleten alle möglichen Erklärungen abnötigen, wie ihr physischer Einsatz zu verstehen sei. Wie er „gemeint“ sei. Und das am besten unmittelbar nach (oder sogar vor) dem Wettkampf.

Die Ereignisse in der Ukraine, haben sie nicht die Winterspiele (und ihre Gastgeber) entwertet? Der Reporter des Deutschen Fernsehens bei der 4x6km-Biathlonstaffel der Frauen am 21.2. ließ sich dazu hinreißen, bei fast jedem Bild einer ukrainischen Läuferin „die schwere Last“ zu beschwören, die sie zu tragen hätte. Bernhard Henry Levy hat diesen Gedanken noch effektvoller in Szene gesetzt und die Losung „Verlasst Sotchi!“ ausgegeben (in seinem Blog bei „La Règle du Jeu“ – nachzulesen in deutscher Übersetzung in der FAZ). Er assoziiert den Schnee von Sotchi mit dem blutigen Schnee auf dem Majdan-
Platz von Kiew und schreibt „Dieser nahezu vollkommene Einklang zweier Zeremonien, der Olympischen Spiele, die sich ihrem Schlusspunkt nähern, und der Beerdigung des europäischen Traums durch ein Volk, das noch daran glaubte, hat etwas an sich, das der Intelligenz ins Gesicht schlägt und das Herz zerbricht.“ Große Worte, und doch nur ein Abgesang. Nicht der geringste Beitrag zur Lösung des Konflikts, die ja nur in einem Verhandeln, unter Einbeziehung beider Konfliktseiten in der Ukraine, sowie Russlands und der EU bestehen konnte. Da will jemand ein großes Begräbnis veranstalten, bei dem es nichts mehr als gibt als einen einsamen Rufer. Für diese Stimme, welch heroischer Moment, will der wortgewaltige Philosoph die Olympischen Spiele abbrechen. Es ist anders gekommen. Sowohl auf dem Majdan-Platz als auch in Sotchi. Dort hat die Staffel der Ukraine hat auf ihre Weise geantwortet: Sie gewann Gold.

Nein, in Sotschi haben keine Skandalspiele stattgefunden. Von denen, die noch vor ein paar Tagen keine andere Frage hatten als jene, ob man die Spiele dorthin hätte vergeben dürfen, ist jetzt kaum noch etwas zu hören. Es waren nicht „Putins Spiele“ und das Publikum war, bei aller Begeisterung für die eigenen Athleten, fairer als manch anderes Publikum. Es hat sich auch gezeigt, dass es richtig war, zwischen dem Sportereignis und den Anliegen der Politik zu unterscheiden und den Versuchen entgegenzutreten, die Öffentlichkeit, die so ein Ereignis zusammenbringt, für andere Anliegen zu nutzen. Bemerkenswert war, dass das Homosexuellen-Thema hier eigentlich keine Rolle gespielt hat. Wer seine sexuelle Präferenz – gleich welcher Art – im Rahmen eines Sportereignisses „einbringen“ will, hat eben nichts Besonderes einzubringen. Er leistet keinen sportlichen Beitrag. Er fährt nicht anders oder gar besser den Berg herunter als andere.